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Die umstrittene WM in Russland

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Eine Multimedia-Story von Juliane Kipper, Christoph Rieke und Lisa Schwesig für n-tv.de

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Die Trikots sind gebügelt, die Schals bereitgelegt, die Kader auswendig gelernt: Mit der Partie von Gastgeber Russland gegen Außenseiter Saudi-Arabien wird am 14. Juni eine Fußball-Weltmeisterschaft angepfiffen, die von kritischen Tönen begleitet wurde. Wurde, weil die Misstöne verhallen, sobald der Ball rollt. Auf diesen Reflex der globalen Fußball-Begeisterung können sich die umstrittenen Funktionäre der Fifa ebenso verlassen, wie der von Weltmachtansprüchen träumende Präsident Wladimir Putin. Er hat das internationale Fußball-Turnier zu seinem Prestigeprojekt gemacht. Was aber passiert abseits des rollenden Balls? Abseits der schönen Bilder? Abseits von Tricks, Träumen und Traumata? Unsere n-tv.de Volontäre schärfen den Blick für das Russland hinter dem internationalen Rauschmittel Fußball.

Drei Köpfe, drei verschiedene Annäherungsversuche an den WM-Gastgeber: Auf dieser Seite erwartet Sie eine multimediale Reise mit Beiträgen aus Politik, Wirtschaft, Sport und Kultur – ohne den Anspruch, ein vollständiges Bild von Russland zu kreieren. Startpunkt der Reise ist das Fischt-Stadion zu Sotschi. Seit Winter-Olympia 2014 ist die Arena besonders bedeutsam für Putin. Warum der Kreml-Chef seine Heimat als Mekka des Sports inszenieren will, wird auf dieser Reise ebenso erörtert wie der labile Zustand der russischen Wirtschaft und die Menschenrechtslage im größten Land der Erde. Eine vorbildhafte Seite Russlands gibt's derweil nach einer visuellen Zugfahrt in Kasan zu erzählen. In der Wolga-Metropole gehört ein friedliches Miteinander zur Leitkultur – im Gegensatz zu vielen Fußballstadien, wie eine ausführliche Darstellung des russischen Hooligan-Problems verdeutlicht. Heiterer wird es zum Schluss der abwechslungsreichen Reise. Dort gibt es den Nachweis, dass Fußball nicht nur auf dem Rasen, sondern auch in Rhetorik einen Stammplatz hat.

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An insgesamt zwölf Standorten im Westen Russlands werden die Spiele der Fußball-WM ausgetragen. Das preiswerteste Ticket gab es für 85 Euro, Russen zahlten dagegen nur 17 Euro. Wer beim Endspiel dabei sein will, musste 894 Euro zahlen. Wer russischer Staatsbürger ist, hingegen nur 94 Euro.

Hinweis: Für mehr Informationen über die Stadien auf nachfolgender Seite über die Symbole scrollen.

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54 Millionen Euro hat der Umbau für die WM gekostet.
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Vier Jahre nach den Olympischen Spielen kommt mit der Fußball-Weltmeisterschaft das nächste sportliche Großereignis nach Sotschi. Dabei entspricht das Fischt-Stadion an der russischen Riviera anfangs gar nicht den strengen Fifa-Regularien.

Von Juliane Kipper, Sotschi

Es ist schwer, sein eigenes Wort zu verstehen. An eine Unterhaltung ist kaum zu denken. Das Knattern eines Rasenmähers macht einen ohrenbetäubenden Lärm. Einen Mann in Latzhose und rot-weiß gestreiftem T-Shirt stört das wenig. Gewissenhaft zieht er bei sommerlichen Temperaturen seine Bahnen durch das Fischt-Stadion an der russischen Riviera in Sotschi. Mit einer blauen Schirmmütze versucht er, sein Gesicht vor der Mittagssonne zu schützen.

Ein WM-Rasen braucht besondere Pflege: Alle drei Tage muss hier in Sotschi gemäht werden, bevor Portugal und Spanien das Stadion am 15. Juni bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 einweihen. Anders als andere Stadien wurde das Fischt für die WM nicht komplett neu gebaut. Bereits für die Olympischen Winterspiele 2014 diente es als Austragungsort der Eröffnungsfeier und der Schlusszeremonie. Doch weil die Fifa an die Stadien der Fußball-Weltmeisterschaft spezielle Anforderungen stellt, musste das russische Bauministerium das Fischt nach Angaben der Fifa für umgerechnet etwa 54 Millionen Euro umbauen - zusätzlich zu den rund 650 Millionen Euro Konstruktionskosten.

"Wir haben insgesamt 14.000 Tonnen Metall der Dachkonstruktion entfernt, da die Fifa eine Austragung unter freiem Himmel vorschreibt. Das entspricht ungefähr der Menge von zwei Eiffeltürmen", sagt der Sprecher des Sportministers der Region Krasnodar am Schwarzen Meer, Jewgeni Balyschkin. Auch die Tribüne wurde umgestaltet, damit sich die Stadionkapazität von 40.000 auf rund 48.000 Sitzplätze erhöht.

Die neuen Nord- und Süd-Tribünen in schwindelerregender Höhe sind nur temporäre Lösungen, um den Fifa-Regularien gerecht zu werden - ihre Einhaltung überprüfen regelmäßig zwei Funktionäre. Ganz oben, in einer der letzten Reihen des Provisoriums, bietet sich den Zuschauern ein besonderes Panorama. Mit einem Blick über die Schulter lassen sich in etwa 30 Kilometer Luftlinie die schneebedeckte zentrale Kaukasuskette und der Berg Fišt, dem das Stadion seinen Namen zu verdanken hat, erahnen. In der regionalen Sprache bedeutet Fišt etwa so viel wie "weißer Kopf". Auf der anderen Seite des Stadions glitzert das Schwarze Meer.

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54 Millionen Euro hat der Umbau für die WM gekostet.
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Oleg Truschkin, Stadionmanager Sotschi
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Momentan spielen weder die Fußball-Vereine FK Schemtschuschina Sotschi noch der FC Sotschi in einer höheren russischen Liga. Keine 300 Kilometer nördlich der Schwarzmeerküste sieht das schon anders aus. Der dort beheimatete FK Krasnodar spielt in der Europa League und ist sogar Vierter in der russischen Premier-Liga. Auch Krasnodar hatte sich als Austragungsort beworben, wurde aber schnell von der Liste gestrichen - und das, obwohl das Stadion erst Ende 2016 mit einem Wärmestrahler an der Dachkonstruktion und einer LED-Anzeigetafel umfangreich ausgebaut worden war.

"Die Fifa will Fußball auch in Städte und Regionen bringen, in denen der Sport nicht so stark vertreten ist. Anders als in Krasnodar, ist Fußball in Sotschi noch nicht angekommen", erklärt Balyschkin die Entscheidung. Die Austragungsorte der WM 2006 in Deutschland haben eine andere Sprache gesprochen: Mit unter anderem Berlin, Dortmund, München und Stuttgart ist Fußball hier alles andere als unpopulär. Selbst wenn Deutschland mit seiner ausgeprägten Leidenschaft für Fußball vielleicht eine Sonderrolle einnimmt, auch die Austragungsorte in Südafrika und Brasilien untermauern Balyschkins Erklärung nicht unbedingt.

Die Fifa hat Krasnodar noch aus einem anderen Grund schnell von der Liste gestrichen: "Das Stadion bietet nur 30.000 Zuschauerplätze und ist damit für ein WM-Stadion zu klein", sagt der Stadionmanager von Sotschi, Oleg Truschkin. Temporäre Tribünen, wie in Sotschi, seien in Krasnodar keine Möglichkeit gewesen. "So ein Bau einer Konstruktion dauert zwei bis zweieinhalb Jahre. Der FK Krasnodar hatte für diesen Zeitraum kein Stadion als Ausweichmöglichkeit." Die Gefahr, der Verein könne absteigen, weil er nicht in seinem Heimatstadion trainieren und spielen kann, sei zu groß gewesen. Es sind schwammige Ausflüchte wie diese, die viele Fragen unbeantwortet lassen.

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Oleg Truschkin, Stadionmanager Sotschi
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Seit den Umbauarbeiten haben 48.000 Zuschauer im Stadion Platz.
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Auch wenn es in Sotschi kein begeistertes Fußballpublikum wie in Krasnodar gibt, Truschkin macht sich um die Nutzung des Stadions nach der Weltmeisterschaft keine Sorgen. "Fast alle Klubs der ersten russischen Liga wollen in Sotschi trainieren kommen", sagt er. Momentan unterhält das Stadion noch das Ministerium der Region Krasnodar. Nach der Weltmeisterschaft soll das Fischt in private Hand übergehen. "In erster Linie besteht unsere Aufgabe jetzt darin, uns auf die bevorstehende WM vorzubereiten. Unser Stadion wird viel Aufmerksamkeit erregen. Es lässt sich nach der Fußball-Weltmeisterschaft sicherlich ein Investor finden, der hier in Sotschi einen Fußball-Klub aufbauen will", sagt Truschkin. Und er sollte recht behalten. Zumindest teilweise. Ab der kommenden Saison zieht der Zweitligist Dynamo St. Petersburg nach Sotschi an die Schwarzmeerküste und wird die Spielstätte nach der Fußball-Weltmeisterschaft weiter nutzen. Auch der Nationalmannschaft soll das Fischt in Zukunft bei Länderspielen oder Trainingslagern zur Verfügung stehen.

Schon die Olympischen Spiele haben gezeigt: Ein Großteil der investierten etwa 30 Milliarden Euro stammten aus öffentlicher Hand und machten die Winterspiele damit zu keinem Musterbeispiel für private Investoren. Oligarchen wie Oleg Deripaska und Wladimir Potanin haben nichtsdestotrotz verlustbringende Projekte finanziert und die Kosten für Sportstätten übernommen, bevor die Anlagen später in staatliches Eigentum des Sportministeriums übergegangen sind - weil die russische Regierung sie dazu aufgefordert hatte. Die Universität Zürich rechnete im Jahr 2013 aus: Jährlich kostet den russischen Staat der Unterhalt der Spielstätten bis zu 100 Millionen Euro. Frühere Pläne, einige Stadien wieder ab- beziehungsweise aufzubauen, hatte die Regierung schnell wieder verworfen.

"Nach den Olympischen Spielen ist es uns gelungen, dem Stadion ein zweites Leben zu schenken", sagt Truschkin. Das sei unerreicht. Es gebe wenig Stadien, in denen sowohl die Eröffnungs- als auch die Schlusszeremonie, die Paralympics, ein Confederations Cup und eine Fußball-WM stattgefunden hätten. Truschkin ist sich deswegen sicher: "Das Stadion wird auch nach der WM weiterhin ein langes Leben haben."

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Seit den Umbauarbeiten haben 48.000 Zuschauer im Stadion Platz.
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Die südrussische Stadt Sotschi an der Schwarzmeerküste ist bereits vor den Olympischen Winterspielen 2014 eine Urlaubsregion. Sowohl im Sommer als auch im Winter kommen Touristen zum Baden und Skifahren. Seit dem Bau des Olympiaparks ist die "Russische Riviera" das sportliche Prestigeprojekt des Landes. Vorher-/Nachher-Aufnahmen zeigen, wie sich die Region gewandelt hat.

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Vor dem Start der WM zeigt sich Wladimir Putin als großer Fußballfreund.
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Fußballerisch ist von der russischen Nationalelf bei der WM wenig zu erwarten. Dennoch will Wladimir Putin demonstrieren, dass Russland eine Weltmacht ist. Für sein Volk inszeniert sich der Kreml-Chef als athletische Leitfigur - verbunden mit einer großen Vision.

Von Christoph Rieke

Für viele Fans beginnt die Fußball-Weltmeisterschaft gewöhnungsbedürftig: Russland und Saudi-Arabien duellieren sich zum Auftakt - nach fußballerischem Highlight klingt das nicht. Wladimir Wladimirowitsch Putin dürfte das wenig stören. Schon jetzt gilt als wahrscheinlich, dass die Sbornaja den russischen Präsidenten mit einem Sieg gegen den saudischen Fußballzwerg beschenkt. Das passt in Putins Strategie. Im Moskauer Luschniki-Stadion will er sich wie schon so oft als großer und starker Freund des Sports inszenieren.

Wenn in einer der traditionsreichsten Stätten der russischen Sportgeschichte der WM-Anpfiff ertönt, verwirklicht Putin ein Herzensanliegen. Dabei ist er kein großer Fußballsympathisant, auch wenn ein Video von ihm und Fifa-Boss Infantino das Gegenteil suggeriert. Vielmehr denkt Putin pragmatisch. "Die politische Elite inszeniert sich mit Sport und zeigt damit, dass sie eine Weltmacht ist", sagt Stefan Meister im Gespräch mit n-tv.de. Dem Russland-Experten von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik zufolge geht es Putin um Prestige und das Signal, "dass man mitspielen und solche Ereignisse ausrichten kann - und schließlich als wichtiges großes Land anerkannt wird". Ein Blick in die jüngere Vergangenheit offenbart, wie sehr sich Putin nach diesem Renommee sehnt.

Seit fast einem Jahrzehnt investiert der 65-Jährige Unsummen an Geld, um sein Land als Mekka des Sports zu inszenieren. So taucht im Zusammenhang mit seinem Namen in der Sportberichterstattung fast immer das Wort Prestigeprojekt auf. Winter-Olympia 2014 in Sotschi war ein solches, ebenso die Etablierung des dortigen Formel-1-Rennens. Jeweils finanziert mit Dutzenden Milliarden eines Staates, in dem laut der Regierung 22 Millionen Menschen unter der Armutsgrenze von monatlich 10.329 Rubel (etwa 152 Euro) leben.

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Vor dem Start der WM zeigt sich Wladimir Putin als großer Fußballfreund.
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Putin ist ehemaliger Leningrader Stadtmeister im Judo.
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Nun folgt der nächste Streich mit dem Fußball. Seit Beginn der russischen Bewerbung im Jahr 2009 ist die WM Chefsache für Putin. "Sport und Politik sind in Russland wie schon in der Sowjetunion viel enger verknüpft als in Westeuropa", erklärt Meister: "Sport ist Politik in Russland." Als logische Konsequenz dieser Symbiose holt Putin die größten Sportfeste in sein Land, um sportlich wie politisch an dessen einstige Größe aus Sowjetzeiten anzuknüpfen. Damals war die UdSSR nicht nur auf dem politischen Atlas ein Gigant, sondern auch in der Sportwelt - obgleich viele der damaligen Bestleistungen wohl systematisch erspritzt worden sind. Dieser Makel spielt für Putin mit Blick auf seine Vision allerdings kaum eine Rolle.

Auch auf gesellschaftlicher Ebene weiß der Kreml-Chef um die Bedeutung des Sports. "Das Niveau der Entwicklung des Sports bestimmt zweifellos das Niveau der Entwicklung des Landes selbst", sagte er bei der Präsentation seiner Judo-DVD 2008. Und so animiert er seine mehr als 144 Millionen Landsleute zur Leibesertüchtigung - mit einem narzisstischen Körperkult: Hier zahlreiche Videos von ihm beim Eishockey, dort ein Video, in dem er mühelos einen Judoka aufs Kreuz legt. Nicht zu vergessen die Bilder, die ihn mit nacktem Oberkörper reitend und angelnd in Sibirien zeigen. Die Putin-Mediathek ist voll derlei Fotos.

"Es ist natürlich Teil der Kreml-PR, Putin als starken Mann zu inszenieren. Und da gehört Sport dazu", sagt Meister. Der Propaganda zufolge beherrscht er schier jede Sportart. Judo, Sambo, Wildwasserrafting, Formel-1-Auto-Fahren, Reiten, Fischen, Eishockey, Skifahren, Jagen, Schwimmen, Mountainbiking, Badminton, Billard - eine beachtliche Zahl an Talenten.

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Putin ist ehemaliger Leningrader Stadtmeister im Judo.
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Von der Politik Boris Jelzins möchte sich Putin deutlich abgrenzen.
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Der Journalist Hubert Seipel sagt im Gespräch mit n-tv.de, dass der russische Präsident tatsächlich sportbegeistert ist. Demnach powert sich der Kreml-Chef fast täglich eine Stunde aus: "Meist schwimmt er 1000 Meter, gelegentlich trainiert er noch Judo oder spielt Eishockey." Seipel ist der erste westliche Journalist, der Putin monatelang begleiten durfte. Dem Autor des Buches "Putin. Innenansichten der Macht" zufolge ist Eishockey allerdings "nicht gerade Putins Stärke". Auch wenn dieser den rauen Sport laut eigener Webseite erst 2011 begann: Putin werden derlei Aussagen kaum begeistern. Sie passen nicht zum vermittelten Image des Superathleten.

Gesichert ist indes, dass Putin ausgezeichnet hebeln und würgen kann. Seit seinem elften Lebensjahr steht der Fabrikarbeiter-Sohn auf der Judo-Matte, wo er einst den Meistertitel seiner Heimatstadt Leningrad errang. Als "nicht sonderlich kräftigen, aber ausdauernden" Kämpfer hat ihn sein erster Trainer einmal beschrieben. Mit dieser Geduld hat es der nur 1,70 Meter große Putin bis nach ganz oben gebracht.

Seit fast 19 Jahren herrscht Putin über das größte Land der Erde. Manchmal entsteht dabei der Eindruck, der Ex-KGB-Offizier regiere mit seinem Körper. Dieser Kraftprotz-Nimbus kommt laut Seipel beim russischen Volk gut an. Auf die Frage, warum er vor Wahlen seine Fitness und den nackten Oberkörper demonstriere, habe Putin erwidert: "Ich will nicht Kanzlerin von Deutschland werden, sondern Präsident von Russland." Zugleich sei der Körperkult Teil einer bewussten Abgrenzung zum unsportlichen und alkoholkranken Amtsvorgänger Boris Jelzin.

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Von der Politik Boris Jelzins möchte sich Putin deutlich abgrenzen.
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Der Klassiker unter den Putin-Souvenirs: eine Matroschka.
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Die Entwicklung weg von den wirren Jelzin-Jahren und hin zur Renaissance des starken russischen Sportstaates hat einen herben Dämpfer erhalten, als russische Athleten aufgrund zahlreicher Dopingvergehen lediglich unter neutraler Flagge an der vergangenen Winter-Olympiade im südkoreanischen Pyeongchang teilnehmen durften. Es war auch eine Demütigung für den Ehrgeizling Putin. Das zumindest legen dünnhäutige Reaktionen wie Beleidigungen gegen Whistleblower Grigorij Rodtschenkow oder die kurzzeitige Verweigerung des Visums für den Doping-Journalisten Hajo Seppelt nahe.

Nachdem der McLaren-Report 2016 russisches Staatsdoping aufdeckte, beklagte Putin, dass der Sport wie zu Zeiten des Kalten Krieges als Geisel genommen werde. "Jetzt beobachten wir einen gefährlichen Rückfall einer Einmischung der Politik in den Sport", sagte der Staatschef. Dass die ursprünglich angedachte Inszenierung vor, während und nach Sotschi wegen der Negativ-Berichterstattung nicht nach Plan verlief, wertet Russland-Experte Meister als "wichtiges Element der Entfremdung zwischen Putin und dem Westen". Dass der Westen nun in Gestalt von Fußballteams in Russland gastiert, ist für Putin und die russische Führung laut Meister zwar wichtig. Das politische Gewicht sei nun aber größer als zum Zeitpunkt der Bewerbung: "Russland ist inzwischen über andere Themen wie Syrien, Mittlerer Osten oder Iran international präsent und hat weniger Interesse an guten Beziehungen mit dem Westen."

Unberührt davon ist jedoch Putins Anspruch, eine starke Leistung seiner Sbornaja bei der Heim-WM zu sehen. Umso mehr wurmt es ihn bereits jetzt, dass Russland wohl nur eine Außenseiterrolle einnehmen wird. "Ich muss leider zugeben, dass unsere Mannschaft zuletzt keine guten Ergebnisse erzielt hat", sagte Putin in einem Interview mit dem chinesischen Fernsehen: "Aber wir erwarten ganz einfach, dass das Team mit Würde spielt, modernen und interessanten Fußball zeigt und bis zum Ende kämpft". Wie einst 1956, als die sowjetische Nationalelf Olympisches Gold in Melbourne errang. Damals mit dabei: Lew Jaschin. Heute, 62 Jahre später, wirbt Russland mit dem Bild der Torwartlegende für die WM.

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Der Klassiker unter den Putin-Souvenirs: eine Matroschka.
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Vor der Fußball-Weltmeisterschaft gibt sich Russland weltoffen und tolerant. Doch Kritiker und Nichtregierungsorganisation haben es nicht leicht, der Kreml regiert zunehmend restriktiver. Der Staat probiert ihre Tätigkeiten zu regulieren und in einigen Fällen zu stören. Was das für die Arbeit von Memorial, der ersten nicht-staatlichen Organisation der Sowjetunion bedeutet und wohin sich Russland in Zukunft entwickeln könnte, erzählt Memorial-Gründungsmitglied Irina Scherbakowa im Interview.

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Memorial engagiert sich in Russland für Menschenrechte.
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Zur WM präsentiert sich Russlands Präsident Wladimir Putin als strahlender Präsident. Doch wie ist die Lage für Kritiker und NGOs wie Memorial?

Irina Scherbakowa: Die aktuelle Gesetzgebung wird immer wieder gegen kritische Stimmen angewandt und schränkt unsere Arbeit ein. In den vergangenen Wochen beunruhigen uns besonders zwei Entwicklungen. Zum einen der Angriff auf das Internet und das Verbot des Messenger-Dienstes Telegram und zum anderen die Fälle von Menschen, die verhaftet und gefoltert werden. So wurden zum Beispiel zuletzt Aktivisten der Antifa in St. Petersburg verhaftet und durch Folter zu bestimmten Aussagen gezwungen.

Wohin kann ein Verbot des Messenger-Dienstes Telegram noch führen? Was ist ein möglicher nächster Schritt auf diesem russischen Weg?

Es formiert sich Widerstand. Als Reaktion auf das Verbot des Messenger-Dienstes wurden die Leute aufgerufen, kleine Papierflieger, das Symbol von Telegram, aus ihren Fenstern zu werfen. Ich wohne in einem Haus mit mehreren Stockwerken und hunderten Wohnungen. Sicher, ich habe keine hundert Papierflieger gesehen – aber dutzende schon. Ich glaube, dass gerade junge Menschen, die mit dem Internet aufgewachsen sind, kein Verständnis für solche Verbote haben und die Geschichte hat gezeigt: Die Menschen werden immer Wege finden, kritisch ihre Meinung zu äußern. Aber die Regierung hat dem Internet den Kampf angesagt, und wir müssen damit rechnen, dass es Versuche geben wird, bestimmte Möglichkeiten der verschlüsselten Kommunikation weiterhin zu unterbinden.

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Memorial engagiert sich in Russland für Menschenrechte.
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Vor sechs Jahren haben Menschen auf dieser Brücke gegen die Wiederwahl von Putin demonstriert.
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Mitarbeiter von Memorial werden als "ausländische Agenten" geführt und sind Repressionen ausgesetzt. Was bedeutet das für ihre tägliche Arbeit?

Der Status beeinträchtigt unsere Zusammenarbeit mit staatlichen Strukturen wie zum Beispiel Schulen, Universitäten, Bibliotheken und Museen. Besonders Geschichtslehrer stehen unter sehr starkem Druck. Von ihnen erwartet man, dass der Unterricht vor allem der patriotischen Erziehung dient. Dafür ist die russische Geschichte in dem Sinne allerdings nicht besonders geeignet. Wenn Lehrer nämlich die Wahrheit erzählen, passt das nicht unbedingt in das glänzende Bild von Russland als Siegesland. Wir hören deswegen aus Angst vor Repressionen immer wieder von Verboten in den Schulen, mit uns zusammenzuarbeiten und an unseren Projekten teilzunehmen.

Haben Sie Angst, dass es Ihre NGO bald nicht mehr geben könnte?

Wir hoffen natürlich, dass es nicht so weit kommt. Besonders nach den Ergebnissen der letzten Präsidentschaftswahl könnte man zwar das Gefühl bekommen, wir seien in der Minderheit. Aber Russland ist ein großes Land und es gibt wirklich sehr viele Menschen, die uns und unsere Arbeit unterstützen. Diese Leute machen uns immer wieder Mut und zeigen uns, dass wir gebraucht werden.

Und doch ist Putin extrem beliebt. Warum sollte er Reformen durchführen?

Ich weiß nicht, ob sich in absehbarer Zeit etwas ändern wird. Geschweige denn, ob ich das noch erleben werde. In einem Sinne bin ich aber optimistisch: Ich glaube, dass es keinen anderen Weg für Russland geben kann, es muss sich etwas ändern. Es sei denn, es kommt wirklich zu einer großen geopolitischen Katastrophe. Zu Sowjet-Zeiten hatten die Leute das Gefühl, nur ein Bruchteil der Menschen würden demokratische Veränderungen beschwören. Jetzt sind es viele.

Das Interview ist im Rahmen einer Recherchereise mit dem "journalists.network" in Russland entstanden.

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Vor sechs Jahren haben Menschen auf dieser Brücke gegen die Wiederwahl von Putin demonstriert.
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Zwei Frauen, ein Ziel? Angela Merkel und Katrín Jakobsdóttir.
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Noch behält es sich Angela Merkel vor, zur Fußball-WM nach Russland zu reisen. Diesen Gefallen für Wladimir Putin sollte sich die Kanzlerin verkneifen.

Ein Kommentar von Christoph Rieke

Auf die Gesellschaft von Theresa May muss der russische Präsident Wladimir Putin bei der Fußball-Weltmeisterschaft verzichten. Die britische Regierungschefin hat wie ihre isländische Amtskollegin Katrín Jakobsdóttir deutlich gemacht: Sie wird nicht zum Turnier nach Russland fliegen. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel und die übrigen westlichen Regierungschefs täten gut daran, auf einen WM-Besuch zu verzichten.

Ob die Annexion der Krim, der Krieg in der Ostukraine oder der russische Anteil am schier nicht enden wollenden Leid in Syrien: Auf Putins jahrelange Provokationen und Aggressionen können Merkel und ihre Verbündeten nun mit einem deutlichen Zeichen antworten - vor den Augen der Weltöffentlichkeit. Bei der WM geht es Putin um Prestige und Anerkennung. Bleiben die westlichen Politiker dem Turnier fern, werten sie Putins große Bühne nicht zusätzlich auf. Das wird dem Kraftprotz aus dem Kreml mindestens nicht gefallen.

Gewiss, dem Dialog dürfen sich Politiker nie verschließen. Doch dafür ist die Show-Bühne in Russland der falsche Ort. Ein Fußballturnier eignet sich nicht, um viele offene Fragen zwischen Russland und dem Westen zu klären - die Hacker-Angriffe auf die Bundesregierung, den Abschuss von MH17, die Vergiftung des Ex-Agenten Skripal. Oder der Fall Hajo Seppelt, der in Russland offenkundig ein unerwünschter Gast ist.

Ein Besuch westlicher Regierungschefs bei der WM dagegen könnte als ein "Weiter so" verstanden werden. Das wäre ein fatales Signal - auch an andere Autokraten wie Erdogan und Xi. Vor allem aber wäre es ein Triumph für Putin. Und den hat er nicht verdient.


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Zwei Frauen, ein Ziel? Angela Merkel und Katrín Jakobsdóttir.
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Arkadi Dworkowitsch, Vizeministerpräsident Russlands
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Um die russische Wirtschaft steht es schlecht, erst seit dem vergangenen Jahr kündigt sich eine leichte Erholung an. Das Wirtschaftswachstum habe Russland vor allem der WM zu verdanken, sagt der Vizeministerpräsident des Landes. Unter Wirtschaftsexperten ist seine Prognose umstritten - und die Vergangenheit lehrt etwas anderes.

Von Juliane Kipper, Moskau

Morgen eröffnen Russland und Saudi-Arabien im Moskauer Luschniki-Stadion die Fußball-Weltmeisterschaft. Die Chance auf den Titel ist illusorisch, die russische Mannschaft kann froh sein, wenn sie die Vorrunde übersteht – das wissen auch die Fans. Ähnlich utopisch wie der Sieg der russischen Nationalmannschaft, könnte sich die Hoffnung der Politik erweisen, dass die Wirtschaft des Landes dauerhaft und spürbar durch die Fußball-Weltmeisterschaft angekurbelt wird.

Russland sieht das naturgemäß anders. Das Land litt aufgrund des Verfalls des Ölpreises und der Sanktionen des Westens bis 2017 unter einer zweijährigen Rezession. Erst im vergangenen Jahr ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP) wieder leicht angestiegen. Vizeministerpräsident Arkadi Dworkowitsch ist sich sicher: Die Fußball-WM hat einen nachhaltigen Impuls auf die russische Wirtschaft. "Ich kann sagen, dass es ohne die WM momentan kein Wirtschaftswachstum geben würde".

Laut Dworkowitsch haben die Vorbereitungen zur WM in den vergangenen fünf Jahren etwa 14 Milliarden Dollar oder rund ein Prozent zum russischen BIP beigetragen. Ohne die WM wäre die Wirtschaft in den Krisenjahren angeblich noch stärker geschrumpft, heißt es in einer russischen Studie zu den erwarteten wirtschaftlichen Auswirkungen.

Nicht alle Ökonomen teilen diese rosigen Aussichten." Die Fußball-Weltmeisterschaft wird die russische Wirtschaft nicht anschieben", sagt Gert Wagner vom DIW-Institut aus Berlin n-tv.de. Die Erfahrungen aus allen Fußballweltmeisterschaften und Olympischen Spielen in den letzten Jahrzehnten hätten gezeigt: Der Einfluss solcher Ereignisse auf die Gesamtwirtschaft sei verschwindend gering. "Selbst für die große deutsche Volkswirtschaft war nach der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 kein Effekt messbar."



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Arkadi Dworkowitsch, Vizeministerpräsident Russlands
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Putin schaut persönlich nach den Fortschritten am Flughafen Rostow.
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Vizeministerpräsident Dworkowitsch wird dennoch nicht müde zu betonen, ein Großteil des Geldes sei in dauerhaft nutzbare Infrastruktur investiert worden. Nach Informationen der Zeitung "Kommersant" hat Russland am meisten Mittel in den Luftverkehr gesteckt. Etliche Flughäfen Terminals seien modernisiert worden. In Rostow am Don eröffnete im Dezember 2017 sogar der erste komplett neu gebaute postsowjetische Flughafen.

In allen WM-Austragungsorten floss auch viel Geld in den Ausbau des Straßennetzes, schreibt das Blatt weiter. Besonders in Kaliningrad sei das wichtig gewesen. Während der Fußball-WM werden hier viele Fans aus Litauen und Polen erwartet, die mit Autos aus ihren Heimatländern anreisen. Dafür mussten insgesamt 100 Kilometer Straßennetz erneuert werden. Nicht in allen Städten war eine so umfangreiche Sanierung der Verkehrsinfrastruktur notwendig. Denn Moskau, Kasan und Sotschi wurden beispielsweise schon in den vergangenen Jahren für andere sportliche Großereignisse umgebaut.

DIW-Experte Wagner gibt jedoch zu bedenken: "Investitionen in Flughäfen, Straßen, Hotels und Krankenhäuser sind zwar sinnvoll, weil sie unabhängig von der Fußball-WM funktionieren". Allerdings dürfe man nicht vergessen, dass auch viel Geld in den Bau von Stadien geflossen sei. "Geld kann nur einmal ausgegeben werden. Wenn die russische Regierung in den Stadien-Bau und die Infrastruktur drumherum investiert, können damit keine Krankenhäuser mehr finanziert werden."


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Putin schaut persönlich nach den Fortschritten am Flughafen Rostow.
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Russland rechnet mit weiteren Milliarden durch den Tourismus.
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Die russische Studie geht davon aus, dass der Tourismus nach der WM in den kommenden fünf Jahren zwei bis drei Milliarden Euro zusätzlich in die russischen Kassen spült. Das sieht auch Wagner so. Gleichzeitig entgegnet er: "In Gegenden, in denen der Tourismus eh blüht, werden andere Touristen während der WM durch die Fußball-Fans verdrängt und in Gegenden, in die Touristen sowieso nicht reisen wollen, ist der Tourismus nicht nachhaltig."

Auch die Experten der US-Ratingagentur Moody's erwarten, dass die Hotellerie neben der Nahrungsmittel-, Telekommunikations- und der Transportbranche die höchsten Einnahmen verzeichnen werde. Bauunternehmen gehören der Studie zufolge zu den Hauptnutznießern der WM. Allerdings haben Sie durch den Bau von Stadien und Straßen schon vor dem sportlichen Großereignis profitiert.

Die Einschätzung der Ratingagentur widerspricht der Prognose von Dworkowitsch kategorisch: "Angesichts der begrenzten Dauer der Fußball-WM und der sehr großen Wirtschaftskraft des Landes sehen wir auf nationaler Ebene nur sehr begrenzte wirtschaftliche Auswirkungen." Und selbst diese dürften nur von kurzer Dauer sein. Wagner geht sogar noch einen Schritt weiter als die Ratingagentur: Von Südafrika und Brasilien könne Russland eigentlich nur eins lernen. "Die Ausrichtung einer Fußball-Weltmeisterschaft ist pure Geldverschwendung und lohnt sich nicht."

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Russland rechnet mit weiteren Milliarden durch den Tourismus.
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Um die Beziehungen zwischen den westlichen Staaten und Russland ist es schlecht bestellt. Die russische Wirtschaft ächzt unter Sanktionen, der Ton wird rauer. Der Russland-Experte Mirko Hempel fordert von beiden Seiten einen diplomatischen Neustart - notfalls mit unkonventionellen Mitteln.

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Unsere Autorin Juliane Kipper ist mit dem Nachtzug von Moskau nach Kasan gefahren. Eine Reise in Bildern.

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Die Kul-Sharif Moschee ist das Wahrzeichen der Stadt.
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Etwa 800 Kilometer östlich von Moskau leben Christen und Muslime seit Jahrhunderten friedlich Seite an Seite. Anders als in anderen autonomen Teilrepubliken mit einer muslimischen Mehrheit, gilt Kasan als Paradebeispiel für gelungene Integration.

Von Juliane Kipper, Kasan

Während der Fußball-Weltmeisterschaft ist Kasan einer von insgesamt elf Austragungsorten. Am 27. Juni wird die deutsche Nationalmannschaft hier in der Hauptstadt der autonomen Teilrepublik Tatarstan gegen Südkorea spielen. Die etwa 800 Kilometer östlich von Moskau gelegene Stadt ist das islamische Zentrum Russlands – deutlich zu sehen an den zahlreichen Moscheen, die das Stadtbild bestimmen. In der islamisch geprägten Metropole an der Wolga gibt es ungefähr zwei Dutzend davon. Die berühmteste unter ihnen und gleichzeitig das Wahrzeichen der Stadt ist die Kul-Sharif-Moschee. Sie wurde 2005 zum tausendjährigen Jubiläum Kasans eingeweiht und ist eine der größten Moscheen in ganz Russland.

Doch die nur wenige Schritte entfernte russisch-orthodoxe Mariä-Verkündungskathedrale mit ihren Zwiebeltürmen zeigt: In der Metropole existieren Islam und Christentum seit Jahrhunderten gemeinsam friedlich Seite an Seite. Die etwas mehr als eine Million Einwohner von Kasan bestehen zur einen Hälfte aus muslimischen Tataren und zur anderen Hälfte aus christlich-orthodoxen Russen.

"Muslime und Christen in Kasan tolerieren einander nicht, wir ehren uns gegenseitig", sagt Imam Illfar Hassanow. Beide Religionsgruppen hätten keine Berührungsängste. Jedes Jahr gratuliert er der orthodoxen Gemeinde zum Osterfest. Im Gegenzug erhält er Glückwünsche zum Ende des Fastenmonats Ramadan. "Man muss sich kennenlernen, damit die Angst voreinander verschwindet", so Hassanow.

Was in Kasan seit über tausend Jahren Normalität ist, ist in anderen muslimisch geprägten autonomen Republiken Russlands undenkbar. Von einem friedlichen Zusammenleben der Religionen ist Tschetschenien noch weit entfernt. In der Hauptstadt Grosny greifen erst im vergangenen Monat während eines Gottesdienstes vier Bewaffnete eine orthodoxe Kirche an. Sieben Menschen sterben. Islamistische Extremisten, von denen sich einige der Terrormiliz IS zugehörig fühlen, verüben in Tschetschenien immer wieder Anschläge.

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Die Kul-Sharif Moschee ist das Wahrzeichen der Stadt.
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Die Kul-Sharif-Moschee ist nur eine von etwa zwei Dutzend in Kasan.
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Eigentlich hatte der Moskau-treue Machthaber der Teilrepublik, Ramsan Kadyrow, trotz alledem darauf gehofft, dass Grosny Austragungsort der WM wird. Dazu ist es aus Sicht vieler Menschenrechtsorganisationen zu Recht nicht gekommen. Religiös motivierte Attentate, Folter und Morde, Verfolgung von Minderheiten, Willkür- und Gewaltherrschaft: Die Liste der Vorwürfe von Menschenrechtlern ist lang. Doch Grosny geht trotzdem nicht leer aus: Ab Mitte Juni bezieht die ägyptische Nationalmannschaft hier ihr umstrittenes Trainingslager. Für die Fifa ist das kein Problem.

Menschenrechtorganisationen wie Human Rights Watch bezeichnen die Entscheidung hingegen als "schockierend und ungeheuerlich". Insgesamt hatte die ägyptische Mannschaft 67 verschiedene Standorte zur Auswahl. Warum die Wahl letztendlich auf Grosny gefallen ist, bleibt bislang unbegründet – zumal Ägypten für seine Vorrundenspiele mit fast 12.000 Kilometern so weit reisen muss wie keine andere Mannschaft.

Kolumbien und Frankreich entschieden sich für Kasan als WM-Quartier. Über ihre Gastgeber sagte Russlands Präsident Wladimir Putin vor einigen Jahren: "Kratzt du an einem Russen, kommt ein Tatare zum Vorschein." Bei Marat Gibatdinow, Historiker an der Tatarischen Akademie der Wissenschaften in Kasan, klingt das etwas anders: "Wir kommen zwar aus Russland, aber wir sind keine Russen." Schließlich hätten die Tataren ihre eigene Sprache und Kultur. "Die tatarische Gesellschaft ist offener, toleranter und progressiver als die restliche muslimische Gesellschaft. Wir fühlen uns Europa sehr zugehörig", sagt Gibatdinow. Demnach trügen tatarische Frauen kein Kopftuch und seien sehr emanzipiert. Geschlechtergleichheit sei schon früher für das einstige Nomadenvolk selbstverständlich gewesen. Denn wenn die Männer oft tagelang unterwegs waren, seien die Frauen auf sich allein gestellt gewesen.

Egal, ob Christen oder Moslems – die Kasaner sind stolz auf ihre Stadt und sorgten dafür, dass sie bereits das vierte Mal in Folge zur lebenswertesten in ganz Russland gewählt wurde. Seit den Feierlichkeiten zum 1000-jährigen Bestehen 2005 hat sich das Stadtbild merklich verändert. Die gepflasterte Flaniermeile im Zentrum der Stadt wirkt aufgeräumt und modern. Die Fassaden der zweistöckigen Gebäude im Jugendstil sind hübsch hergerichtet und erinnern an die belebte Einkaufsstraße Arbat in Moskau. Cafés, Restaurants und Souvenir-Shops in der Baumann-Straße haben oft bis in die späten Abendstunden geöffnet. Alle paar Meter buhlen Straßenkünstler und Musiker um die Aufmerksamkeit und das Kleingeld von Touristen.

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Die Kul-Sharif-Moschee ist nur eine von etwa zwei Dutzend in Kasan.
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In Kasans Fußgängerzone können Touristen beruhigt flanieren.
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Willkommen sind Touristen auch in der Hauptstadt von Dagestan , Machatschkala. Wie in Kasan leben in dieser russischen Teilrepublik, die an Tschetschenien grenzt, viele Muslime. Doch die Wahl der Fifa konnte auch nicht auf Dagestan fallen, denn spätestens seit den beiden Tschetschenienkriegen 1994 und 1999 gilt die Region als Epizentrum des islamistischen Terrorismus im Nordkaukasus. Inoffiziell wird Dagestan von Moskau als unregierbar bezeichnet. Die ethnische Vielfalt der Region und die unterschiedlichsten Interessenskonflikte sind Nährboden für religiösen Radikalismus.

Bereits im Vorfeld der Fußball-Weltmeisterschaft warnte das Bundeskriminalamt vor der sogenannten "IS-Provinz Kaukasus". Die "Welt am Sonntag" zitiert aus einer bislang unveröffentlichten Einschätzung, mögliche Angriffe der islamistischen Organisationen würden sich vor allem gegen Sicherheitskräfte in den beiden russischen Teilrepubliken richten. Dabei planten die Terroristen Handfeuerwaffen und Sprengsätze einzusetzen; sie sollen auch vor Selbstmordattentaten nicht zurückschrecken.

Für Kasan und Umgebung gibt es solche Warnungen nicht. Im Gegensatz zu Tschetschenien oder Dagestan ist Tatarstan ein sicherer Austragungsort. Die Wahl auf Kasan dürfte nicht zuletzt auch deshalb gefallen sein, weil Putin während der WM ein positives und sicheres Bild von Russland nach außen transportieren will. Die Schwimm-WM 2014 und der Confed Cup im vergangenen Jahr sind friedlich zu Ende gegangen. Die Kasaner haben schon oft gezeigt, dass religiöse Unterschiede nicht spalten müssen. Das wollen sie in diesem Jahr auf dem Fußballplatz zeigen.

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In Kasans Fußgängerzone können Touristen beruhigt flanieren.
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Im russischen Fußball ist Hooliganismus tief verwurzelt.
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Das Hooligan-Problem in Russland ist gewaltig. Trotzdem findet dort die Fußball-WM statt. Bevor das Prestigeprojekt startet, hat Präsident Putin zahlreiche Vorkehrungen veranlasst. Einige Hools drohen dennoch mit exzessiver Gewalt.

Von Christoph Rieke

Stühle fliegen durch die Luft, Glas splittert. Durch die tränengasgeschwängerten Gassen von Marseille rennen blutüberströmte Männer. Zwei Jahre nach der Fußball-EM in Frankreich sind die Bilder noch präsent. Im Mittelpunkt der tagelangen Randale: Hooligans aus England - und aus Russland. Dort findet mit der WM nun das nächste Fußball-Großereignis statt. Lange vor dem ersten Spiel hat sich der Schatten des Hooliganismus über das Prestigeprojekt des russischen Präsidenten Wladimir Putin gelegt. Doch der Kreml-Chef versucht, diesen schlagkräftigen Gegner aus dem eigenen Land mit aller Macht zu bändigen.

"Es spricht einiges dafür, dass es in Russland viele Hooligan-Aktivitäten geben wird", sagt Robert Claus im Gespräch mit n-tv.de. Mit Gewaltexzessen wie in Marseille rechnet der Autor des Buches "Hooligans" aber nicht: "Wahrscheinlicher ist, dass es zu kleineren Übergriffen kommt, von denen es keine großen Bilder gibt." Dennoch bleibe ein Restrisiko: "Solche Turniere haben immer dazu gedient, dass sich die Szenen auch treffen."

Wie diese "Treffen" bei der WM verlaufen werden, glauben russische Hooligans genau zu wissen. In der BBC-Doku "Russia's Hooligan Army" beispielsweise kündigt ein Mann ein "Festival der Gewalt" an, ein anderer tönt: "Man muss nicht reisen, um Spaß zu haben." Bei "Vkontakte", dem russischen Facebook-Pendant, kursieren zahlreiche Gewalt- und sogar Mord-Drohungen, insbesondere an Engländer. Laut britischen Medien alliieren sich russische Hools mit argentinischen Gruppen zum Kampf gegen die Fans aus dem Fußball-Mutterland.

Auch wenn zahlreiche Berichte vor Beginn der WM ein womöglich zu düsteres Bild der russischen Hool-Szene zeichnen und diese mitunter dämonisieren: Vollends realitätsfern sind sie nicht. Seit Jahrzehnten sind Aggressivität, Gewalt und Rassismus in russischen Stadien spieltäglich. Laut Experte Claus haben sich Russen zusammen mit Polen einen Führungsstatus in der international vernetzten Hooligan-Szene erarbeitet: "Sie sind gut organisiert, sehr gewalttätig sowie trainiert und stehen sehr weit rechts." Zudem seien die Hooligan-Szenen teilweise militärisch erfahren - Eigenschaften, die insbesondere russische Hools in Fotos und Videos vor der Heim-WM zur Schau stellen. Laut Claus haben viele von ihnen ein ausgeprägtes Kriegsdenken: "Der Machtanspruch der russischen Hooligan-Szene, gerade zu Hause, ist enorm."

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Im russischen Fußball ist Hooliganismus tief verwurzelt.
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Die sogenannte Fan-ID soll den WM-Ausrichtern einiges Übel ersparen.
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Droht der WM in Russland also ein Krieg der Hools? "Putin und sein Apparat können kein Interesse daran haben, sich die WM medial von Hooligans kaputtmachen zu lassen", sagt Claus. Während die nordrhein-westfälische Polizei auf das "hohe Gewaltpotenzial" osteuropäischer Hooligans verweist und deutsche Hools vor WM-Reisen warnt, geben sich die russischen Behörden betont gelassen. "Es sind alle Vorkehrungen getroffen, um die Sicherheit zu gewährleisten", sagte WM-Chef Alexej Sorokin im März.

Die Behörden wollen alles tun, um dem Hooliganismus Einhalt zu gebieten. So braucht jeder Stadiongast eine sogenannte Fan-ID - eine Karte, die Antragsteller nur nach einem erfolgreichen Sicherheitscheck erhalten. Zudem verschärfte die Duma im Frühjahr vergangenen Jahres den Artikel 20.31 des Verwaltungsgesetzbuches. Seitdem drohen Stadion-Krawallmachern Haftstrafen von bis zu 15 Tagen, Stadion- und/oder Reiseverbote oder Geldstrafen von bis zu 20.000 Rubel (etwa 275 Euro). Der durchschnittliche Bruttomonatslohn beträgt in Russland 36.746 Rubel (knapp 500 Euro). In den vergangenen 14 Monaten, teils also noch vor Beginn des letztlich friedlich verlaufenen Konföderationen-Pokals 2017, hat die Polizei zahlreiche Wohnungen durchsucht und viele Hooligans, unter anderem bei sogenannten Ackermatches, festgenommen. Und um das Abschreckungspotenzial noch zu erhöhen, aktualisiert das Innenministerium regelmäßig eine offen zugängliche, 22 Seiten lange Liste mit Personen, die Stadionverbot haben. Zudem werden in den kommenden vier Wochen Tausende Sicherheitskräfte im Einsatz sein.

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Die sogenannte Fan-ID soll den WM-Ausrichtern einiges Übel ersparen.
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Alexander Schprygin gilt als einer der Rädelsführer der Hooligan-Krawalle von Marseille.
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Bei der WM-Vorbereitung ist der russische Staat augenscheinlich in Aktionismus verfallen. Laut Claus kaschieren die kurzfristig ergriffenen Vorkehrungen lediglich das russische Gewalt-Problem. Zudem werde die Debatte meist nur unter polizeilichen und repressiven Gesichtspunkten geführt: "Die eigentliche Frage ist doch: Was haben der russische Staat und der russische Fußballverband in den letzten 20 Jahren im Bereich der sozialen und pädagogischen Prävention gemacht?" Für das Mitglied der "Kompetenzgruppe Fankulturen und Sport bezogene Soziale Arbeit" ist die Antwort klar: "Sie haben kaum etwas getan."

Das Problem: Die Grenzen zwischen Politik, Sicherheitsapparat und Hooligans sind nicht immer erkennbar. Bis heute hält sich das Gerücht, viele der Schläger von Marseille hätten den Segen des Kreml genossen. Unmittelbar nach den Krawallen bezeichnete Putin die Gewalt zwar als "Schande", bezweifelte aber die Schuld seiner Landsleute: "Ich verstehe wirklich nicht, wie 200 von unseren Fans mehrere tausend Engländer zusammenschlagen konnten."

Ebenfalls sarkastisch äußerte sich damals Duma-Vizepräsident Igor Lebedew: Der rechtsnationale Politiker twitterte ein "Weiter so!". Ein Jahr später regte er an, Hooliganismus mit einem festen Regelsatz als Sportart anzuerkennen - Worte eines Mannes, der Mitglied im Vorstand des russischen Fußballverbandes (RFS) ist und Alexander Schprygin als parlamentarischen Mitarbeiter beschäftigte. Der Ex-Chef der Allrussischen Fanvereinigung (VOB) gilt als einer der Rädelsführer der Marseille-Krawalle. Mittlerweile ist die VOB vom RFS suspendiert.

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Alexander Schprygin gilt als einer der Rädelsführer der Hooligan-Krawalle von Marseille.
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Während der WM sind Tausende Sicherheitskräfte im Einsatz.
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Nach dem erfolgreich veranstalteten Confed Cup wird Putins Null-Toleranz-Politik gegenüber Hooligans von ebenjenen mutmaßlich auf eine harte Probe gestellt. Denn absolute Sicherheit kann selbst der starke Mann im Kreml nicht garantieren. Hooligan-Experte Claus verweist darauf, dass auch die datenschutzrechtlich umstrittene Fan-ID kein Allheilmittel gegen Hooliganismus sein wird. Gemeinsam mit den Repressionen halte sie in erster Linie die Gewalt aus den Stadien fern. Außerhalb könnten Hooligans aber sehr wohl marodieren.

Immerhin: Die Behörden und die Öffentlichkeit gehen nicht so blauäugig in das Turnier wie vor zwei Jahren - und es steht vorerst keine Partie der Russen gegen England auf dem WM-Spielplan. Wie ihr Staatschef wird auch die Mehrheit der 143 Millionen Russen darauf erpicht sein, das eigene Land in gutem Licht erscheinen zu lassen. Selbst wenn dies mit allen Mächten gelingen sollte: Was nach der WM passiert, bleibt ungeklärt. Den Rassismus in der Hooligan-Szene wird das Sicherheitskonzept sicher nicht verdrängen. Als wahrscheinlich gilt, dass der russische Staat die vor und während der WM gesammelten Daten behalten, den Fokus aber nicht mehr allzu stark auf Hooligans richten wird. Auf das womöglich friedliche Festival könnte also eine umso wildere Aftershowparty in den Klubwettbewerben folgen.

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Während der WM sind Tausende Sicherheitskräfte im Einsatz.
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Das Buch von Christoph Marx kostet 10 Euro.
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Die deutsche Nationalmannschaft spielt das erste Mal bei der WM in Russland und im Stadion herrscht Stille. Kein Sprecher, keine Fangesänge, keine Trainerkommentare. Ein Horrorszenario. Um das zu verhindern, muss Fußball nicht nur auf dem Rasen stattfinden, sondern auch im Mund.

Von Lisa Schwesig

Ein Fußballspiel ohne Sprache ist wie ein Brot ohne Butter: genießbar, aber langweilig. Nicht nur die Dialoge zwischen den Spielern auf dem Rasen oder mit dem Trainer sind essenziell für den Spielverlauf. Auch Kommentare, Gesänge und Kneipendebatten der Fans verleihen einem Fußballspiel seinen Charakter. "Ohne Sprache kein Fußball", schreibt der Journalist Christoph Marx in seinem Buch "Der springende Punkt ist der Ball" über die "wundersame Sprache des Fußballs." Spätestens ab 17. Juni werden die deutsche Nationalmannschaft, die deutschen Fans und die deutschen Sportjournalisten ihre Wortgewandtheit unter Beweis stellen. Dann hat die DFB-Elf gegen Mexiko ihren ersten Aufritt bei der Fußball-WM 2018 im Moskauer Stadion Luschniki.

Zur Bedeutung der sprachlichen Komponente im Fußball passt, dass der Sport durch einen Braunschweiger Deutschlehrer ab 1847 in Deutschland publik wurde. Konrad Koch versuchte mit einem eigens aus Großbritannien georderten Lederfußball seine Gymnasialschüler zu mehr körperlicher Aktivität zu ermutigen. 1903 entwarf Koch einen deutschsprachigen Vokabelkatalog, der sich den bisher gebrauchten englischen Fußballbegriffen entgegenstellte, und ließ diesen in Vereinen und an Schulen zirkulieren. Dass heutzutage auf deutschen Fußballplätzen der "Stürmer" das "Tor" erzielt und nicht etwa der "forward" das "goal", ist Koch zuzuschreiben.

Seit Anfang des 20. Jahrhunderts ist die Fußballsprache stark vom Militär geprägt. Es geht um "Siegen oder Sterben", wie Benito Mussolini es der italienischen Nationalelf bei der Weltmeisterschaft 1938 in Frankreich androhte. Die Spieler machen sich "klar zum Gefecht", wie Marx schreibt, oder gehen auf "gleicher Marschroute". Die politische Vereinnahmung des Sports schritt voran. 1923 schrieb der "Berliner Lokalanzeiger" gar von einer "Völkerwanderung gen Stadion". Diese Entwicklung beobachtet Marx in seinem Buch aber auch in entgegengesetzter Richtung. So schreiben Medien heutzutage über "Eigentore" von Politikern, die gelegentlich "den Ball flachhalten". Selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel greift auf Fußballfloskeln zurück, wenn sie über die Chancen in der vor ihr liegenden Amtszeit spricht. 2006 sagt sie dazu auf dem CDU-Parteitag: "Ja, wir haben schon einige tolle Tore geschossen. Ja, wir hatten einige gute Chancen, aber gewonnen ist noch gar nichts."

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Das Buch von Christoph Marx kostet 10 Euro.
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2006 gewinnt Oliver Kahn mit FC Bayern München den DFB-Pokal - "das Ding" wie er ihn nennt.
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Die Vermischung von Alltags- und Fußallsprache nimmt seit Kochs Vokabelvorgaben stetig zu. Wer kontinuierlich auf ein Ziel hinarbeitet, "bleibt am Ball" und wer besonders schlagfertig ist, kann "gut kontern". Dabei weist die Sprache, die Fußballer und Beteiligte sprechen, eine Besonderheit auf: Sie ist extrem anschaulich gestaltet. Dafür greift sie auf metaphorisch-eindeutige Bezeichnungen aus den Bereichen Militär ("Ballgefecht"), Natur ("Bananenflanke"), Kunst ("Mittelfeldregisseur") und Technik ("Torfabrik") zurück und setzt diese in einen fußballerischen Kontext. Aber auch fußballerische Wortneuschöpfungen dienen der Veranschaulichung: Wenn Stürmer Thomas Müller ein Tor für den FC Bayern München oder die DFB-Elf schießt, dann "müllert" er - ebenso wie sein Namensvetter Gerd Müller in den Sechziger- und Siebzigerjahren.

Neben ausgereiften Wortbildern gibt es in der Fußballsprache einen ausgeprägten Hang zu Verkürzungen. Diese machen lange Erklärungen des Spielablaufes überflüssig: So schießt der Stürmer knapp gesagt ein "Tor" oder begeht ein "Foul", statt einen Ball in ein metallumrandetes Netz zu kicken oder einen Konkurrenten regelwidrig zu berühren. Das vereinfacht die Kommunikation auf und neben dem Rasen für Spieler, Schiedsrichter, Fans und Kommentatoren. Zudem gibt es kurze Wörter, die universell einsetzbar und von vielfacher Bedeutung sind - zum Beispiel "Das Ding". Spieler können "Das Ding" drehen, reinmachen, abliefern oder sogar in den Händen halten - wie Torwart Oliver Kahn gerne formulierte, wenn er einen Pokal in die Höhe hob.

Eine weitere Spezialität von Fußballakteuren ist der Hang zur Übertreibung. Wenn eine Mannschaft eine schlechte Partie spielt, kickt sie "unterirdisch" und steht häufig beinahe vor einem "historischen Debakel", während der Gegner "furios" einen "bärenstarken" Fußball abliefert. Hüten sollten sich Kommentatoren allerdings vor dem Phrasenschwein. Das kann einen finanziellen Tribut verlangen, wenn mal wieder "das Runde ins Eckige muss" (Josef Herberger). Besonders phrasenbegeistert zeigen sich die inzwischen medial erprobten Spieler in ihren Statements nach Spielende. Während Nationalspieler Lothar Matthäus noch direkt aussprach, was ihm gerade in den Sinn kam ("Gewollt hab ich schon gemocht, aber gedurft ham sie mich nicht gelassen"), geben sich aktive Fußballprofis diplomatischer. Da wird direkt nach dem Spiel auf beliebte Floskeln wie "Wir müssen jetzt das Spiel abhaken und nach vorne schauen" oder das allgemeingültige "So ist Fußball" zurückgegriffen.

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2006 gewinnt Oliver Kahn mit FC Bayern München den DFB-Pokal - "das Ding" wie er ihn nennt.
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1977 spielt Franz Beckenbauer für den FC Bayern München.
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Der Kaiser der inhaltslosen Floskel ist laut Marx aber Franz Beckenbauer mit Sätzen wie "Der Grund war nicht die Ursache, sondern der Auslöser." Widersprüche, Beleidigungen und Allgemeingültigkeit wie "Gehts raus und spielts Fußball" gehören zu den Markenzeichen des ehemaligen Spielers, Trainers und Funktionärs und haben mittlerweile Eingang in die Alltagssprache gefunden. Unvergessen und gern zitiert ist auch die Rede des italienischen Trainers Giovanni Trapattoni zur Kritik innerhalb des FC Bayern München. "Schwach wie eine Flasche leer" und "Ich habe fertig" sind noch immer bei Familienfeiern, in Büros und Fußballkneipen zu hören.

Es sind diese Emotionen und die Sprache, von denen der Fußball lebt. So gipfelt der Versuch von Weltmeister Andreas Möller, nach einem Spiel seinen Gemütszustand auszudrücken, in der legendären Nonsense-Floskel "Vom Feeling her habe ich ein gutes Gefühl". Nicht nur mit Posen und Gesten à la Cristiano Ronaldo bringen die Profis nach einem Tor ihre emotionale Lage zum Ausdruck. Auch sprachlich weicht gelegentlich die Anspannung und produziert historische Zitate. Jürgen Klinsmann beschrieb es einmal so: "Der Druck entlädt sich beim Torschuss - ein Wahnsinns-Feeling. So ähnlich wie beim Sex."

Schon in ihrem ersten Vorrundenspiel wird die deutsche Nationalmannschaft den Klinsmannschen "Sex" abliefern müssen, wenn sie um den WM-Titel mitspielen möchte. Wenn man allerdings den Worten von Fußballlegende Gary Lineker folgt, stehen die Chancen für die DFB-Kicker gut, "Das Ding" am 15. Juli im Moskauer Olympiastadion in den Händen zu halten: "Fußball ist ein einfaches Spiel: 22 Männer jagen 90 Minuten lang einem Ball nach, und am Ende gewinnen immer die Deutschen." 

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1977 spielt Franz Beckenbauer für den FC Bayern München.
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"Die Hand Gottes" bescheinigen argentinische Fans Diego Maradona.
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Wer während der WM mit sprachlicher Expertise glänzen will, dem seien folgende Fachvokabeln empfohlen:

Ampelkarte: Gelbe und Rote Karte als optisches Zeichen für das Verweisen eines Spielers vom Spielfeld nach einem Foul und seine Sperre für das nächste Spiel
Angsthasenfußball: defensives, alle Risiken scheuendes Spielverhalten
Ärmste Sau: gemeint ist der Trainer
Ballstafette: Passspiel über mehrere Stationen mit Raumgewinn
Bananenflanke: Zuspiel des Balls mit gekrümmter Flugbahn in Form einer Banane
Bankdrücker: Spieler, der die meiste Zeit auf der Ersatzbank verbringt
Beinschere: Gegenspieler durch Einklammern mit beiden Beinen zu Fall bringen
Blutgrätsche: brutales Reingrätschen in Gegenspieler mit Inkaufnahme von Verletzungen
Capo: Fanführer, der andere zu Sprechchören und Gesängen animiert
Chancentod: Vergabe jeglicher Tormöglichkeiten
Chant: Sprechchor, Fangesang
Diver: jubelnder Spieler, der mit gestrecktem Oberkörper über den Rasen rutscht
Dosenöffner: richtungsweisende Spielszene
Dreiundzwanzigster Spieler: gemeint ist der Schiedsrichter
Dritte Halbzeit: gemeinsames Trinken der Fans nach dem Spiel oder auch Ausschreitungen gewalttätiger Fans
Drübersäbeln: beim Schussversuch über den Ball treten
Effet: Drall des Balls durch Anschneiden beim Schießen
Eindrücken: Ball mit geringem Kraftaufwand ins Tor befördern
Eisenfuß: kompromisslos hart spielender Verteidiger
Elfmetertöter: Torwart, der häufig Elfmeter hält und dafür von anderen Mannschaften gefürchtet ist
Favoritenschreck: Mannschaft, die bekanntermaßen erfolgreichere Teams schlägt
Fliegenfänger: mieser Torwart
Flügelflitzer: schneller wendiger Außenstürmer
Flügelzange: Außenstürmer, der erheblichen Druck auf die Verteidiger ausübt
Fritz-Walter-Wetter: Dauerregen, wie ihn der Kapitän der Nationalelf von 1954 liebte
Fummelkönig: Spieler, der sich durch übertriebene Dribbelaktionen festspielt und den Ball verliert
Geholze: technisch wenig versiertes Spiel mit vielen Fouls
Goalgetter: Spieler, der häufig Tore erzielt
Groundhopper: Fans, die bei vielen Auswärtsspielen dabei sind und quasi Stadien sammeln
Hand Gottes: nach Diego Maradona benanntes vorsätzliches Handspiel
Heber: über den Torwart/Spieler gelupfter Ball
Hools: Abkürzung für Hooligans
Kantersieg: müheloser, deutlicher Spielgewinn
Karnevalsverein: nicht ernst zu nehmender Gegner
Kettenhund: Sonderbewacher eines gefährlichen Gegenspielers
Kinderriegel: aus jungen Spielern bestehende Abwehr
Knipser: Torjäger
Legionär: Spieler mit Vertrag bei einem ausländischen Verein
Lichtgestalt: Franz Beckenbauer
Lufthoheit: Überlegenheit beim Kopfballspiel
Mittelfeldraute: System mit defensivem, offensivem, linkem und rechtem Mittelfeldspieler
Müllern: aus allen möglichen Positionen ein Tor schießen wie Gerd und Thomas Müller
Nadelstiche: Gegner durch Aktionen verunsichern
Nickligkeit: geringfügiger Regelverstoß gegenüber Gegner
Offensivgeist: Angriffsbemühungen
Papierform: vermeintliche Stärke einer Mannschaft aufgrund früherer Resultate
Pausentee: Halbzeitpause
Pferdekuss: Bluterguss am Oberschenkel durch gegnerischen Tritt oder Stoß
Phantomtor: vom Schiedsrichter anerkanntes, regelwidrig erzieltes Tor
Pitch-Invasion: Fans stürmen den Fußballplatz
Reklamieren: Protest gegen Schiedsrichterentscheidung
Rochieren: Positionstausch im Spiel, um zum Beispiel Gegner zu verwirren
Schießbude: Mannschaft, die viele Tore kassiert
Schlagerspiel: mit großer Spannung erwartetes Spiel
Schokoladenbein: stärkeres Bein eines Spielers
Sense ausfahren: Foul per Beinschlag
Sommerkick: ohne größere Anstrengungen geführtes Spiel
Staubsauger: vorgezogener Abwehrspieler
Tannenbaumsystem: Spielaufstellung nach dem Muster 4-3-2-1
Thekenmannschaft: Amateurteam
Tiki-Taka: von der spanischen Nationalelf geprägtes gewitztes Kurzpassspiel, um den Gegner auszuspielen
Umgekrempelte Mannschaft: umgestelltes Team mit vielen neu besetzten Spielerpositionen
Vollstrecker: jede sich bietende Torchance nutzender Stürmer
Wasserträger: einen Teamkameraden unterstützender Spieler
Wühler: unermüdlich kämpfender Spieler
Zampano: autoritärer Trainer
Zweiter Anzug: B-Mannschaft

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"Die Hand Gottes" bescheinigen argentinische Fans Diego Maradona.
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Zabivaka freut sich auf das Fußballfest.
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Eine Glosse von Christoph Rieke

... was freut sich die Welt, dass ihr den großen Fußball endlich nach Russland bringt! Vorbei die Zeit des Elends und der Zwietracht: Dank euch gibt's nun wieder Völkerverständigung - und das auch noch in Putins russischem Reich. Endlich darf die Welt bei denen zu Gast sein, die gemeinsam mit arabischen Scheichs unsere Klubs aufkaufen. Gebenedeit seid ihr für diesen feinen Schachzug. Ihr seid die wahren Friedensfürsten!

Und der Wladi frohlockt am meisten. Ständig bekommt er Rüffel, Menschenrechte hier, faire Wahlen da. Was soll das Gezeter? Wo bleibt der Blick fürs Wesentliche? Fußball! Deshalb seid ihr spitze: Ihr seid zur Stelle, wenn ihr gebraucht werdet. Und wenn die russische Elf die Saudis im Eröffnungsspiel erstmal mit 5:0 weggefegt hat, ist der Blitzsieg auf der Krim eh nur noch Schnee von gestern. Die Atmosphäre jedenfalls wird stimmen - schließlich hat Wladi schon bei Winter-Olympia 2014 bewiesen, dass er der tollste Eventmanager ist. In den von nordkoreanischen Bauarbeitern zusammengezimmerten Arenen erwartet euch ein Fußballfest mit einer Stimmung, bei der nicht nur Maskottchen Zabiwaka mit den Ohren schlackern wird. Ein russisches Sommermärchen, wie es Afanassjew sich nicht besser hätte ausdenken können. Und der Gerd hat's immer schon gewusst. Auch für ihn wird diese WM eine Genugtuung sein - nicht zuletzt dank eurer unvoreingenommenen Entscheidungsfindung!

Und das Beste ist: Putins Festspiele haben noch nicht mal begonnen, da bricht sich schon die Vorfreude auf ein weiteres globales Fußballturnier Bahn. 2022 bekommt endlich auch die traditionsreiche Fußballnation Katar ihre WM - und das auch noch im Winter. Dann müssen wir endlich nicht mehr mit den Kindern Weihnachtslieder quäken oder Schneemänner bauen, sondern können uns schön vor die Glotze fläzen. Fußball in der sengenden Orienthitze, das wird den Toni freuen. Und der Jogi kann dann testen, was sein Nivea-Deo bei 50 Grad Celsius so kann. Die Fußballwelt preise euch - und den Blatter-Sepp - für diesen Geniestreich!

Und nun habt ihr den durchgeknallten Trump mit einem Turnier beschenkt. Grandios! Weitsichtig wie ihr seid, habt ihr bestimmt auch schon einen Coup für 2030 ausgetüftelt. Ein Turnier in der Arktis! Das hat nicht nur etwas Völkerverbindendes, zwischen den USA, Russland und Kanada hat's jüngst ja öfter geknirscht. Nein, auch die Eskimos werden sich freuen, statt Iglus auch mal Fußballarenen zu bauen. Zwar ist es dort bitterkalt, aber das muss euch ja nicht jucken. Denn von dem Geld, das ihr bei der Beschäftigung der Arbeitssklaven und Billiglöhner in Russland und Katar einspart, könnt ihr euch in Kürze in Russland ein paar fesche Pelzmäntel zulegen.

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Kapitel 11 Liebe Fifa-Onkels ...

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  • Redaktion:
    Juliane Kipper
    Christoph Rieke
    Lisa Schwesig

    Bild-, Ton- und Videomaterial:
    Juliane Kipper, Hendrik Maaßen, Miriam Scharlibbe, Aljoscha Ilg, sid/n-tv

    Karten und Grafiken:
    Christoph Rieke, Lisa Schwesig mit Datawrapper, Stepmap

    Layout:
    Lisa Schwesig

    Unterstützung:
    Gudula Hörr, Tobias Nordmann, Christoph Wolf

    Im Auftrag von n-tv.de

    Bildrechte: AP, Duden Verlag, Hendrik Maaßen, Juliane Kipper, Miriam Scharlibbe, Wikipedia/Lencer, dpa, imago, n-tv, n-tv.de, reuters, sid, stepmap

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